Mein 30. Geburtstag, gefeiert mit einer Route die genauso alt ist wie ich
November, 2016

 
Dieses Jahr feiere ich einen Runden Geburtstag und zwar meinen 30er. Runde Geburtstage sind ein Anstoß zum Nachdenken und ich muss zugeben, dass dieser mich auch ein bisschen beunruhigt hat. Für einen Sportler ist das Altern wohl ein noch schockierender Prozess als für “normale” Menschen, da von unseren körperlichen Leistungen ja auch unser Lebensunterhalt abhängt. Bisher fühlte ich mich wirklich sehr jung, mein Körper fühlte sich an wie der eines Teenagers aber die Zahl 30 machte mir klar, dass ich vom Teenager entgültig enfernt bin und ich begann im Spiegel die ersten weissen Haare zu suchen. Dann habe ich mir aber vor Augen geführt, dass im Klettersport wachsende Erfahrung und Ausdauer eine große Rolle spielen und ich freue mich auf noch viele vor mir liegende Jahre in den Bergen.
Im Frühling war ich auf der Suche nach einem neuen Sportkletterprojekt und da dachte ich an die Route “Apache” im Klettergebiet Cornalba bei Bergamo. Diese Route ist zwar “nur” mit 8a bewertet, in Italien aber ein Stückchen Sportklettergeschichte. In Cornalba wurden in den 80er Jahren von einer Gruppe Kletterer rund um den Local Bruno Tassi, von allen “Camos” genannt, einige der härtesten Routen des Landes eingebohrt und erstbegangen. Der Kletterstil in Cornalba ist sehr technisch mit kleinen Leisten und nahezu unsichtbaren Tritten. Ich begann die Route im Frühling nach abgeschlossener Eisklettersaison zu probieren aber da war ein grundsätzliches Problem: die Sonne. Die Wand in der sich die Route befindet ist nach Süden ausgerichtet und das Gebiet somit eigentlich ein Wintergebiet. In der jede Woche wärmer werdenden Frühlingssonne wurde es immer schwierger die winzigen Griffe zu halten. Ich begann immer früher am Morgen in die Route einzusteigen aber nachdem ich dann im Juni zweimal bei Gewittern total durchnässt zum Auto zurückkehrte entschloss ich, eine Sommerpaus einzulegen. Zu Allerheiligen versuchte ich mich wieder in der Route aber die Herbstsonne war noch ein kleines bisschen zu warm. Als dann aber nur wenige Tage später bewölktes Wetter mit nur 10 Grad angesagt war, dacht ich mir, dass dies der richte Tag sei. Ich konnte die gesamte Schlüsselstelle durchklettern, rutschte dann aber am vorletzten Griff mit kalten Finger ab. War es nun also zu kalt??? So wollte ich nicht aufgeben, stieg nach kurzer Pause noch einmal ein und konnte in den letzten und einzigen Sonnenstrahlen des Tage den Umlenker klippen.
Die Route Apache war 1986, meinem Geburtsjahr, eingebohrt worden und im Jahr darauf von Camos erstbegangen worden. Ich schätzte mich glücklich diesen besonderen Menschen kennen gelernt zu haben, der uns leider zu früh verlassen hat und ich weiss, dass er mir für diese erste weibliche Begehung nahezu 30 Jahre nach seiner Erstbegehung erfreut auf die Schulter geklopft hätte.


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